Oh lala!
Im Eingang des Restaurants hängt ein Foto von Ebehard Diepgen. Im Laufe der Jahre ist es verblasst. Es stammt aus einer Zeit, als in Charlottenburg noch das Leben tobte. Davon ist nicht viel geblieben. Man lebt in der Vergangenheit oder dem, was man dafür hält.
Vorbei am ehemaligen Bürgermeister, betritt der Gast die Räume des “Besten Franzosen Berlins”, wie die Zitty vor ein paar Jahren mal geschrieben haben soll. Wer das selbst nach einem Besuch noch immer glaubt, trauert auch dem Bahnhof Zoo hinterher und hält den Ku’damm für eine dufte Meile von Welt.
Dem normalen Menschen bietet sich Farce. Eine groteske Flair-Simulation. Der Chef mit Baskenmütze und bis zum Bauchnabel aufknöpften Hemd empfängt uns an der Tür. Schreiend. Daran soll sich auch den ganzen Abend nichts ändern. Monsieur eilt zwischen den dicht gedrängten Tische hindurch und brüllt sonderbare Befehle in Richtung Personal. Eine nervenzehrende Mischung aus Le Tatar-Werbung und Louis de Funès.
“Prominente, Studenten und künftige Politikern” sollen sich das Theater laut Eigenwerbung allabendlich antun. Dass das noch nicht einmal im Ansatz stimmt, verbuche ich als einzigen Pluspunkt.
Wer hier einkehrt, hat das Gröbste in Sachen Alter und Sex hinter sich, abonniert den Tagesspiegel und möchte sich amüsieren. Auf französische Art. Musique!
Das scheint sich in der Krachmacher-Szene rumgesprochen zu haben. Sie sind alle da: Von den Zigeuner-Muckern, die mit gleich sechs Songs am Stück überraschen, bis zum Teufelsgeiger, der sich durch Schlagzeug vom Band begleiten lässt. “Le chef” immer mittendrin, furios klatschend, “Allez!” und “Oh, lala!” schreiend. Abstoßend skurril.
Bei den Simpsons gab es mal das “Sterotypes Bowling Team”. Da hätte er gut reingepasst. In ganz Frankreichs gibt es mit Sicherheit keinen Menschen, der sich so aufführt. Doch was ist mit Früher?
Das habe ich mich seit gestern Abend ein paar Mal gefragt. Wenn ja, würden die Taten unserer Großeltern in einem anderen Licht erscheinen. Wir hätten tapferen Soldaten viel Unrecht getan.
