Reise (2)
Vilnius
Freitag. In einer Unterführung versucht eine alte Frau, Schutzhüllen für Monatskarten zu verkaufen. Ein paar Meter weiter bietet ein Mann eine gebrauchte Personenwaage an. Seine einzige Ware. Anders als in Hamburg dominieren hier noch immer Rundbügeltangas die Auslagen der Ramschlädchen.
Als vor meinem Fenster zum zweiten Mal die Glasfront des Radisson-Hotels auftaucht, dämmert es mir, dass unser Busfahrer aus dem gleichen Grund Busfahrer ist, wie Klaus Uwe Benneter Generalsekretär. Weil es ihm Spaß macht, obwohl er nicht besonders gut kann. Grundsätzlich finde ich das legitim. Nur etwas unpraktisch.
Irgendwann erbarmt sich einer der ortskundigen Mitreisenden, setzt sich neben den Fahrer und lotst uns aus der lettischen Haupstadt. Später schrecke ich noch ein paar Mal hoch, weil die anderen Passagiere die Routenwahl des Wagenlenkers mit Entsetzensschreien kommentieren. Nach gefühlten 29 und realen fünf Stunden erreichen wir schließlich Vilnius.
Bevor ich das Hostel für einen kleinen Rundgang durch Riga verlasse, steige ich in den Keller hinab, um einen Blick auf die Internetausstattung zu werfen. Der Computer scheint in Ordung, ist aber von jemandem besetzt, den ich der Einfachheit halber mal Igor nennen möchte. Igor ist Anfang 20, von teigig-pickeliger Kontur, trägt einen Trainingsanzug mit Vereinswappen und keine Schuhe. Er vertreibt sich die Zeit in einem (mir unbekannten) Single-Chat und auf mein ziemlich weltmännisches “Hi!” antwortet er mit “Mmmpf!”. Später höre ich, wie er damit ganze Halbsätze bestreitet.
Doch keine Zeit zum Quatschen. Die Innenstadt ruft und hinter der ewig langen, dunklen Gasse, die zur Unterkunft führt, wartet hoffentlich schillerndes Leben. Und tatsächlich. Vilnius ist eine kleine Stadt mit großem Charme. (Wem der letzte Satz zu dicke war: einfach in den Papierkorb kotzen – oder mal nach Litauen fahren). Die auffällig gepflegt wirkende Stadt muss in den letzten Jahren eine einzige Baustelle gewesen sein. Jetzt ist alles schnieke und man weiß nie, ob man gerade in Berlin, Paris oder Skandinavien ist.
Als ich nach einer Weile ins Hostel zurückkehre, vertreibt sich Igor seine kostbare Zeit noch immer mit Flirten. Auf meine Begrüßung antwortet er dieses Mal gar nicht mehr. Er schreibt sich ein paar Nummern ab und verschwindet. Nachdem ich einen Blick in die Browser-History geworfen habe, beschließe ich, im Anschluß meine Hände zu waschen. Gründlich.
