Reise (1)
Nebel
Donnerstag. Es ist ein milder Morgen. Manch eine Reise scheiterte, weil ich zum falschen Flughafen fuhr oder statt in Schoenefeld ploetzlich in Eberswalde war. Das soll mir heute nicht passieren. Liverpool und Manchester, wohin es ueber Riga gehen soll, sind zu wichtig. Als ich gegen kurz nach fuenf die S-Bahnstation “Prenzlauer Allee” erreiche, rinnt mir bereits Schweiss den Ruecken hinunter.
Schweigend warten zwei Dutzend Menschen auf die Bahn. Ueberraschend viele, wie ich finde. Es scheint Leute zu geben, die schon vor 9:30h bei der Arbeit sein muessen. 200 Meter von der eigenen Wohnung entfernt spuere ich bereits die horizonterweiterternde Wirkung, die so eine Urlaubreise haben kann.
Alles laeuft ueberraschend glatt. Vorbei am streng blickenden BGS-Beamten, der aussieht wie Christoph Stoelzl, gelange ich sicher und puenktlich in die Maschine. Als die Turbinen beim Start aufheulen, atme ich durch. Vollgas in den Urlaub.
Die naechsten drei Stunden moechte ich mich gruendlich ueber die Perlen Nord-West-Englands einlesen: „Lonely Planet: England“. Dass es sich dabei um Reiseliteratur und nicht um einen Swinger-Club-Fuehrer handelt, weiss ich noch nicht lange. Bei meinem Budapest-Besuch im Fruehjahr hatte mich ein brasilianischer Backpacker gefragt, ob ich in einer fremden Stadt auch immer in den „Lonely Planet“ schaue. Da mir das irgendwie komisch vorkam, hatte ich den vermeintlichen Sex-Touristen aus Suedamerika fortan mit einer gewissen Skepsis beaeugt. Einige Wochen vor der Abreise entdeckte in den vermeintlichen Schweinkram in der Reiseecke einer Buchhandlung.
„Aufgrund dichten Nebels ist eine Landung in Riga momentan nicht moeglich.“ Die Durchsage des Kapitaens unterbricht meinen Leseeifer. Die meistgemurmelte Frage („Und jetzt?“) beantwortet der Pilot einige Minuten spaeter. „Wir fliegen stattdessen nach Tallinn, Estland, und sehen weiter.“
Ich verspuere einen Brechreiz und komme mit meiner Sitznachbarin in Gespraech: Jolanda. Die geborene Lettin, Anfang 20, moechte in Riga bei einer Taekwondo-Meisterschaft dolmetschen, verdient ihr Geld aber eigentlich auf Erotikmessen. In der naechsten Woche geht es nach Holland: Fetischkram. Doch diese Lack- und Leder-Geschichten seien nicht so ihr Ding. Eher die Venus. Sie habe auch schon selbst in Filmen mitgespielt. Sei doch nix bei. Ich bin beeindruckt. Ihr waere das mit „Lonely Planet“ wahrscheinlich nicht passiert.
Waehrend des Landeanflugs auf die estnische Hauptstadt schaut meine neue Bekanntschaft nervoes aus dem Fenster. „In Tallinn ist auch alles voller Nebel,“ sagt Jolanda und deutet mit sorgenvoller Miene auf die Wolken. Nach der trotz Wolken problemlos verlaufenden Landung in Tallinn, lernen wir den Kapitaen kennen, der uns mitteilt, dass er sein Haar vor 20 Jahren verloren hat, wir jetzt aufgetankt und dann wieder in Richtung Lettland fliegen wuerden. Mein Flug nach Liverpool ist jedenfalls weg.
Waehrend ich wieder diesen Brechreiz verspuere und meinen „Lonely Planet“ im Handgepaeck verstaue, wird die Atmosphaere an Bord lockerer. Viele zuecken ihre Handys. Ich waehle die Nummer meiner Eltern und erwaege einen kleinen UA-93-Jokus: „Ich rufe aus dem Flugzeug an. Ich wollte nur kurz sagen, dass ich Euch liebe.“ Da meine Mutter jedoch keine grosse Freundin boeser Scherze ist und im Zorn sehr persoenlich wird, sage ich, was alle sagen: „Schoenen Gruss aus Tallinn! … Wegen Nebel.“ Meine Mutter sagt, sie habe gedacht, ich haette mal wieder einen Flug verpennt. Bitch. Jolanda hat ihr Telefon ebenfalls eingeschaltet. In Minutenabstaenden schreit es aus ihrer Tasche: „SMS! Uuu-haaar-haaaaar!“ Irgendjemand stinkt nach Schweiß.
Der Rest des Tages verlaeuft geschmacks- und geruchsneutraler. Nach der Landung in Riga, fahre ich zu dem Hostel, in das ich eigentlich erst am Montag einkehren wollte, cancel alles was mit England zu tun hat und erkundige mich unter den Mitreisenden, was sie als Ausweichziel empfehlen wuerden. Ein Australier schlaegt die litauische Hauptstadt Vilnius vor. Die kleine Stadt habe ihm gut gefallen und man koenne fuer wenig Geld Folterkeller des KGB besichtigen. Er sei jetzt fuenf Wochen im Ostblock unterwegs, in jedem Land gebe es ein solches Ding, aber das sei vom Preis-Leistungs-Verhaeltnis das Beste. Einschussloecher von Exekutionen und so.
Schnell bin ich ueberzeugt, buche Bus und Hostel fuer den naechsten Tag. Nach einem kleinen Rundgang durch die Altstadt, schaue ich zur Einstimmung auf die Busfahrt „Speed“ und betrinke ich mich mit ein paar Prolls aus Liverpool. Ihre Stadt sei eh scheisse, sagen sie.
