Koffer in Berlin

In der fünften und sechsten Klasse war so ein Ding mein ganzer Stolz.
Erhobenen Hauptes trug ich damit meinen Kram zur Schule. Dabei war dieser Koffer unglaublich unpraktisch. Da er keine Fächer hatte, herrschte hinter der schönen Fassade heilloses Durcheinander. So manches Mal paarte sich eine Banane mit dem Englischbuch, ein Leberwurstbrot mit dem Lineal. Aber das war mir egal. Ich hatte einen Koffer mit Boris Becker drauf!
Der 85er-Wimbledon-Triumph war schon einige Zeit her, die Freundin hieß noch Karen Schultz, sein Ausrüster aber längst Diadora. Die Puma-Koffer (was wohl Jochen Seitz von einer Neuauflage halten würde?) wurden verramscht an kleine Orientierungsstufler. Mein liebster Song war damals übrigens “Smooth Criminal” von Michael Jackson. Egal.
Um meine Mitschüler zu beeindrucken, versah ich das Ding eigenhändig mit einer persönlichen Widmung. Leider sah das schwungvoll gedachte “Beste Grüße, Dein Boris” ziemlich krakelig aus und ähnelte nicht im Geringsten der aufgedruckten Unterschrift. Doch es gab kein zurück mehr. Edding eben. Der schöne Koffer war versaut. Die Glaubwürdigkeit im Klassenverband verspielt. Der hilflose Versuch, ihn komplett zu schwärzen, scheiterte kläglich. Alles vorbei.
Hätte ich ihn doch nicht angemalt! Das habe ich schon so manches Mal gedacht. Besonders eben. Da sah ich das Ding in einem Schaufenster in der Kastanienallee. Für 149 Euro…
